Sand- und Kiesindustrie baggert ohne Rücksicht auf künftige Generationen

Die Kiesindustrie legt bei Diskussionen um neue Auskiesungen immer wieder verschiedene „Naturschutzargumente“ vor. Warum diese nicht ganz stimmig sind, erklären wir Ihnen hier.

Verlust von Trinkwasser und landwirtschaftlichen Flächen

Grundwasser

Das Grundwasser ist in vielen Regionen bereits stark durch landwirtschaftliche Einflüsse belastet. Ein großer Anteil des Grundwassers eignet sich nicht mehr als Trinkwasser. Damit hat sich das verfügbare Trinkwasser bereits erheblich verringert. Die Auskiesung führt zu einem weiteren Verlust von Grundwasser, das zukünftige Generationen zur Trinkwassergewinnung benötigen.

 

Landwirtschaftliche Flächen

Die vielen Massentierhaltungen und industriellen Biogasanlagen haben dazu geführt, dass Flächen knapp werden. Die Pachtpreise steigen immer weiter. Das Wachstum der ökologischen Landwirtschaft wird gehemmt, da zusätzliche Anbauflächen zu teuer sind. Es dürfen nicht noch weitere Flächen durch die Auskiesung wegfallen.

Flächen für den Gewässerschutz

Die mangelnden Flächen für den Gewässerschutz stellen ein weiteres Problem dar. Der Nutzungsdruck ist so hoch, dass bereits heute Flächen fehlen, um beispielsweise naturnahe Gewässerrandstreifen an den Flüssen und Bächen anzulegen.

 

 

Wir fordern:

  • Trinkwasservorräte für die weiteren Generationen müssen Priorität haben
  • Flächen für Gewässerschutzmaßnahmen müssen vor weiteren wirtschaftlichen Interessen Priorität haben

Die Kiesindustrie behauptet:

Die Grundwasserqualität verbessert sich durch Auskiesung

Der VSR-Gewässerschutz stellt richtig:

Es kann auch zu einer Verschlechterung kommen

Durch die Auskiesung wird die Grundwasserüberdeckung und somit auch die Schutzfunktion des Bodens beseitigt. Wird ein Baggersee angelegt, können chemische, physikalische und biologische Vorgänge im Seewasser und Sediment kurzfristig den Schutz übernehmen. Die langfristige Sicherheit ist jedoch von der Stabilität dieser Prozesse abhängig. In vielen Baggerseen sind diese Prozesse aber gestört.

  • Grundwasser, das eine geringe Nitratbelastung aufwies, kann stärker nitratbelastet werden. In Regionen mit Kies- und Sandabbau findet sich teilweise Grundwasser mit höherer Fließgeschwindigkeit und denitrifizierenden Eigenschaften. Der Baggersee „öffnet“ das Grundwasser für äußere Einflüsse. Es wird Sauerstoff eingetragen. Die denitrifizierenden Eigenschaften werden zunichte gemacht. Deswegen kann im Grundwasser, anders als vorher, kein Nitrat mehr abgebaut werden. Besonders bei Grundwasser mit höheren Fließgeschwindigkeiten und höherer Nitratauswaschung kommt es zur Nitratanreicherung.

 

  • Der Baggersee durchmischt Grundwasser unterschiedlicher Grundwasserleiter mit unterschiedlicher Beschaffenheit. Kritische Belastungen werden in tiefere Schichten oder umgekehrt in höhere verlagert.

Die Versprechen der Kiesindustrie, Wasserflächen für Erholung und Freizeit zur Verfügung zu stellen, führen zu einem ökologischen Problem in der Zukunft

Um die Auskiesung attraktiver zu machen, wirbt die Kiesindustrie mit Baggerseen. Diese bringen jedoch Nachteile für die Umwelt mit sich: Ein großes Problem für die Seen ist die Eutrophierung, also Nährstoffüberschuss. Hohe Wassertemperaturen kurbeln zusammen mit den Nährstoffen das Algenwachstum an.  Es kommt zur Algenblüte. Durch das anschließende Absterben der Algen wird übermäßig viel Sauerstoff verbraucht. Es droht ein Fischsterben.

Phosphor begünstigt Eutrophierung

Badegäste sorgen immer auch für einen Phosphoreintrag. Phosphor verlässt den See auf natürlichem Wege nicht mehr. Es wird bereits über den Regen in großen Mengen eingetragen. Auch der Kot von Vögeln führt zu einem weiterem Eintrag. Es steigt das Risiko für eine Eutrophierung und Blaualgenbildung. Phosphor reichert sich im See immer weiter an.

„Durch den Badebetrieb an einem See wird pro Badegast ca. 0,1 g Phosphor (P) und 1,8 g Stickstoff (N) eingetragen. Für einen durchschnittlich genutzten 10 ha großen Baggersee (1500 Badegäste pro Tag und 55 Badetage im Jahr) ergeben sich dabei Belastungen von 0,8 kg P und 15 kg N pro Jahr und ha Seefläche“ (Quelle: Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg: Kiesgewinnung und Wasserwirtschaft, Karlsruhe 2004).

Die Bewirtschaftung durch Fischereien kann durch Anfüttern oder Besatz mit fanggroßen Fischen zu einer weiteren beträchtlichen Nährstoffzunahme führen.

Uferstruktur von Badeseen begünstigt Eutrophierung

Die Gestaltung von Badeseen ist für die Kiesindustrie eine Kostensparmöglichkeit. Künstlliche Uferstrukturen wie Bootsstege, Sandaufschüttungen oder Liegewiesen sind einfach anzulegen. Dagegen ist die Gestaltung von Flachwasserbereichen für die Kiesindustrie aufwendig. Die Defizite in der Uferstruktur führen jedoch dazu, dass das Risiko der Eutrophierung weiter steigt.

Eutrophierte Baggerseen kommen mit der Zeit

Während der Auskiesungsphase geschieht keine Eutrophierung:  Trotz des Nährstoffeintrags ist die Algenentwicklung während der Auskiesungsphase noch sehr gering. Es ist für Pflanzen zu wenig Licht im Wasser, da es zu abbaubedingten Trübungen kommt.

Jahre nach der Auskiesung:  Zahlreiche Baggerseen sind heute, Jahrzehnte nach der Auskiesung, eutrophiert. Baden ist dort im Sommer, wegen geringer Sichttiefe, gefährlich.

In letzter Zeit sind immer mehr Baggerseen von einer Blaualgen-Massenentwicklung betroffen. Blaualgen sind keine Pflanzen, sondern Cyanobakterien. Manche dieser Bakterien scheiden Giftstoffe aus. Eine gesundheitliche Gefahr für Badende. Für zahlreiche  Hunde, die das Wasser tranken, endete dies bereits tödlich.

Wasser wird in stehenden Gewässern nicht oder nur langsam ausgetauscht. Im Sediment gespeicherte Nährstoffe werden nur unter bestimmten Bedingungen wieder freigesetzt. Deswegen reagieren Seen auf eine Reduzierung der Nährstoffeinträge nur sehr langsam. Zahlreiche Baggerseen müssen aufwändig saniert werden, damit die von der Kiesindustrie versprochenen Freizeitmöglichkeiten weiterhin ausgeübt werden können. Diese Kosten werden aber nicht mehr von den Firmen getragen, die den Baggersee entstehen ließen.

 

Wir fordern:

  • Wenn die Kiesindustrie Wasserflächen für Erholung und Freizeit verspricht, muss sie auch für die Folgekosten aufkommen

Wasserrahmenrichtlinie - eine Chance für Baggerseen?

Trotz all dem ist es möglich, dass neu entstehende Baggerseen einen guten ökologischen Zustand erreichen. Dies kann durch Beachtung der Wasserrahmenrichtlinie (Wrrl) und der Oberflächengewässerverordnung funktionieren.

Bei Baggerseen ab 50 Hektar gilt die Wasserrahmenrichtlinie (Wrrl)  

Es soll ein "guter Zustand" der Gewässer (bzw. bei künstlichen Gewässern ein gutes ökologisches Potential) erreicht werden. Dies soll durch Bestandsaufnahmen und Überwachungen mit Hilfe von Maßnahmenprogrammen und Bewirtschaftungsplänen passieren.

Es gilt, die Oberflächengewässerverordnung von 2011 einzuhalten.

Da Baggerseen unter 50 Hektar nicht unter die Wasserrahmenrichtlinie fallen, besteht das Risiko, dass die Auskiesungsbereiche zwar groß sind, aber nur nebeneinander liegende, kleine Baggerseen entstehen. Für diese muss nicht die Wrrl eingehalten werden.

Wir fordern:

  • Baggerseen, deren Uferlinien weniger als 50 m voneinander entfernt liegen, müssen miteinander verbunden werden.
  • Die Kiesindustrie hat von der Auskiesung profitiert. Deswegen muss sie auch dafür sorgen, dass die Wasserrahmenrichtlinie eingehalten wird.