Gülle aus Massentierhaltungen belastet unsere Gewässer

Eigentlich hätten die Vorgaben angepasster Düngeverordnungen schon längst zu einem größeren Flächenbedarf der Massentierhaltungen führen müssen. Dies wäre für die Betriebe gerade in den Fleischhochburgen teuer geworden, da die Pachtpreise gewaltig gestiegen sind. Höherer Flächenbedarf hätte in vielen Regionen bedeutet, dass keine neuen Massentierhaltungen beziehungsweise Aufstockungen bestehender Betriebe hätten genehmigt werden können. Um das zu umgehen, wurden so genannte „Nährstoffbörsen“ eingeführt: Gülle aus landwirtschaftlichen Betrieben mit großem Viehbestand und wenigen zur Verfügung stehenden Flächen wird zu viehlosen oder vieharm wirtschaftenden Betrieben, die Bedarf an organischem Dünger haben, transportiert.

 

Das Geschäft mit der Gülle

1988 entstanden die ersten dieser Börsen als „Selbsthilfeorganisation“ von Landwirten. Doch inzwischen hat sich daraus ein riesiges Geschäft mit der Gülle entwickelt. Die Gülletranporte aus den Hochburgen der Agrarfabriken steigen kontinuierlich an. Heute fährt am Betrieb eine Spedition mit einem 30-Kubikmeter-Sattelauflieger vor, um die Gülle abzuholen. Beim Transport über weite Entfernungen kommt es immer häufiger vor, dass die Gülle sogar auf Schiffe verladen wird. Auch Lohnunternehmer, die für Massentierhaltungen und Biogasanlagen arbeiten, verdienen kräftig mit und schaffen sich große Fuhrparks an.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Gülle aus dem benachbarten Bundesland oder gar aus dem Ausland wie den Niederlanden herangekarrt wird: Gemacht wird, was sich „rechnet“. Die Verordnung über das Inverkehrbringen und Befördern von Wirtschaftsdünger verpflichtet jeden, der Gülle oder Gärreste in den Verkehr bringt, befördert, aufnimmt, verwertet oder mit ihnen handelt, Aufzeichnungen zu führen. Insgesamt aber bewirkt dies eine quasi flächenunabhängige Tierhaltung, da die Agrarfabriken für ihre Gülle einen „qualifizierten Flächennachweis“ erhalten. Da ist es völlig egal, wo die Flächen liegen oder wer sie bewirtschaftet – das Papier gilt als Nachweis einer ordnungsgemäßen Nährstoffverwertung im Rahmen der Düngeverordnung. Genehmigungsbehörden wiederum erkennen ihn an und erteilen „ordnungsgemäß“ ihre Okays für den Bau von immer mehr Agrarfabriken.

Die Aufzeichnungspflicht indes kann nicht verhindern, dass das ganze Geflecht der beteiligten Betriebe undurchsichtig bleibt. Eine Kontrolle der Transporte ist durch das Konglomerat abgebender, vermittelnder und aufnehmender Betriebe äußerst schwierig – und die Kontrollen in der Landwirtschaft sind eh mangelhaft. Betriebe, die diese Gülle auf den Flächen verteilen, sehen ebenso wie die Massentierhaltungen nur in seltenen Fällen Kontrolleure den Weg der dunklen, stinkenden Brühe nachverfolgen. Je weiter die Gülle transportiert werden muss, desto unwirtschaftlicher wird dies. Jeder Betrieb hat demnach ein Interesse daran, dass die Gülle möglichst nah am Entstehungsort aufgebracht wird. Insofern ist gerade in den Hochburgen der Fleischproduktion die Gefahr am größten, dass Gülle weit über den erlaubten Stickstoffmengen aufgebracht wird.

 

Kontrollen werden von der Landwirtschaftskammer durchgeführt

Ein weiteres Problem in der Umsetzung der Nitratrichtlinie in Deutschland ist aber auch darin zu sehen, dass die Kontrollen bis heute von den Landwirtschaftskammern durchgeführt werden – als Selbstverwaltungsorgan der Landwirtschaft mit einem von den Landwirten gewählten Vorstand für Kontrollen der Landwirtschaft denkbar ungeeignet.

 

 

Agrarlobby schaffte es immer wieder die Düngeverordnungen zu verwässern

In der Vergangenheit wurden die Düngeverordnungen häufig so verfasst, damit die Massentierhaltungen möglichst wenig beeinträchtigt werden.  Laut Düngeverordnung von 1996 durfte zusätzlich zu den eh schon zulässigen Stall- und Lagerungsverlusten noch 20 Prozent Verlust bei Ausbringung der Gülle abrechnen. Damit wollte man verhindern, dass Massentierhaltungen entweder Flächen hinzu pachten oder durch Verringerung ihres Viehbestandes die Güllemenge reduzieren mussten. So brauchten die deutschen Massentierhaltungen bis 2003 ein Viertel weniger Flächen auszuweisen als die Betriebe etwa der Niederlande oder Dänemarks. Allerdings waren in der Nitratrichtlinie solche Abzüge gar nicht vorgesehen, da dies ihren Sinn – Reduktion der Nitrat-Verschmutzung der Gewässer – umgangen hätte. 2002 verurteilte deshalb der Europäische Gerichtshof Deutschland zur Streichung dieser rechnerischen Verluste bei der Aufbringung von Gülle.

Noch bei der Düngeverordnung bis 2018 durfte bei der Gülleberechnung großzügig Stall- und Lagerungsverluste von bis zu 40 % abgezogen werden. Wie ist es heute?

 

 

 


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